Liebe Gemeinde,

Alles hat seine Zeit …

Alles wie immer: Kaum sind die Sommerferien vorbei, finden sich Schokoladen-Weihnachtsmänner, Lebkuchen und Spekulatius wieder in den Regalen der Einkaufläden. Man stolpert geradezu über die Paletten mit Advents- und Weihnachtsgebäck. Die kirchliche Initiative „Advent ist im Dezember“, die vor Jahren gestartet wurde, findet anscheinend kein großes Gehör. Dabei ist es ja eigentlich nichts Neues, dass das Gefüge oder besser gesagt die Fügung der Zeit auch Sinn macht: Alles hat seine Zeit.

Rhythmen gehören zum Leben der Menschen. Das weiß unsere Bibel und das haben Menschen seit Jahrtausenden erfahren: Es tut gut, mit abgegrenzten Zeiten, mit Rhythmen, die unser Leben gliedern, zu leben. Sie geben Zeit zum Aufatmen, sie entlasten, geben der Seele Raum zum Innehalten und Entspannen. Es gibt einen Rhythmus des Lebens, einen Rhythmus des Jahres, einen Rhythmus des Tages. Seit Jahrhunderten ist dieser Rhythmus für viele von der christlichen Tradition geprägt.

Was ist etwas wert, wenn es eingeebnet wird in eine ständige Verfügbarkeit, wenn ich auf nichts mehr warten, mich auf nichts mehr vorbereiten muss? Worauf sollen wir uns eigentlich noch freuen, wenn der Lebkuchen schon ab August auf dem Tisch steht, alles immer jederzeit greifbar und damit beliebig ist? Kommt die Freude nicht gerade auch durchs Warten und hat der Volksmund so unrecht, wenn er sagt: Vorfreude ist die schönste Freude? Das Gefüge der Zeit hat seinen Sinn. Auf jeden Fall ist damit kein Unsinn verbunden.

Aber nun scheint sich im Blick auf dieses Zeitengefüge doch etwas zu verändern. Was erst einmal auch nicht schlimm wäre, denn Veränderung gehört dazu. Entscheidend ist aber die Frage, wer diese Änderungen einführt und mit welcher Motivation: Geht es um ein inhaltliches Bedürfnis, um eine Neuorientierung? Eher nicht – und da liegt für mich das Problem. Nicht dass die Regale schon im Sommer mit Lebkuchen wieder gefüllt sind, sondern dass der Handel über diese Dinge verfügt, den ursprünglichen Inhalt auflöst und unsere Kultur reinen Geschäftsgründen unterordnet:

In einer Werbebroschüre konnte ich lesen, dass Lebkuchen und Spekulatius jetzt nicht mehr unter Weihnachten firmieren, sondern unter der Überschrift „Herbstgebäck“ angeboten werden. Herbstgebäck – man höre und schmunzle. Aber wenn man darüber nachdenkt, vergeht einem dann doch das Lachen, und das nicht nur, weil über bestimmte Dinge einfach mal schnell ohne Sinn und Verstand verfügt wird. Was sich hier abzeichnet ist der Versuch der Mündigen oder vielleicht mehr der Reichen und Mächtigen der Welt, sich die inhaltlich sinnvolle Fügung der Zeit materiell und gewinnorientiert gefügig zu machen. Herbstgebäck…

Warum ich das für gefährlich halte? Es ist doch bekannt, dass da, wo man sich Dinge gefügig macht, nicht selten auch etwas aus den Fugen geraten kann. Was bleibt uns eigentlich noch im Advent, wenn nun schon der Herbst für den Advent herhalten muss und das Adventsgebäck als Herbstgebäck vernascht ist? Behelfen wir uns dann demnächst im Advent mit irgendwelchen Weihnachtseiern? Ostern kommt ja bald danach…

Können wir noch warten? Ich finde es zu kurz gedacht, die Verantwortung alleine auf die Verbraucher zu schieben. Natürlich liegt es auch an mir, auf die Dinge zu verzichten, selbst wenn sie vor meiner Nase liegen. Ich mache es und nehme damit auch manchen Streit mit meinen Kindern auf mich. Aber es gibt schon auch eine Verantwortung, die darüber steht: Geld und Gewinn sind hoffentlich nicht die einzige Maxime wirtschaftlichen Handelns, die Konsequenzen eines solchen Denkens sehen wir ja auch in anderen Bereichen unseres Lebens tagtäglich…

Für mich geht es als Christ beim Lebkuchen im Sommer um mehr als nur um schnellen Genuss. Die Adventszeit mit ihren besonderen Farben und Düften, mit Lichterglanz und Weihnachtsbäckerei braucht ihren festen Rahmen, wenn sie ihre Bedeutung und ihren Sinn nicht verlieren soll. Nur dann können wir wahrnehmen und erleben: „Kommt Zeit, kommt Advent“, die Ankunft Gottes. Ich bleibe deshalb dabei: Advent ist im Dezember. Alles hat seine Zeit. Und auf Herbstgebäck und Weihnachtseier kann ich getrost verzichten!

Eine erwartungsvolle Zeit wünscht uns allen Ihr Pfarrer,

 

Dr. Martin Weber