Liebe Gemeinde,

 

 

 

  

Liebe Gemeinde

 

Getroffen!?

 

Zwölf Dart-Pfeile sind auf die Figur des Gekreuzigten geworfen worden, neun davon haben seinen Körper getroffen und „nageln“ ihn auf dem weißen Untergrund fest. Die Pfeile erscheinen größer als die Figur des Gekreuzigten. Übermächtig an Größe und an Zahl dominieren sie das Geschehen - und wären doch nur ein Geschicklichkeitsspiel, wenn sie nicht Jesus als Ziel gehabt hätten.

So wird eine Hinrichtungsart aus der Zeit der Römer ins Zentrum eines harmlosen Wurfspiels unserer Zeit gestellt. Und dabei entsteht eine Grausamkeit, bei der man gar nicht richtig hinschauen mag. Es macht betroffen, es tut buchstäblich weh, den Leib Jesu von diesen Pfeilen durchbohrt zu sehen, es schmerzt, diese festgenagelten Hände, Füße und andere Körperstellen zu sehen.

 

Darf man das? Ist das nicht pietätslos? Man wirft doch nicht mit Dartpfeilen auf religiöse Gegenstände, schon gar nicht auf die Figur des gekreuzigten Jesu!

 

Vielleicht braucht es aber eine solche Aktion der Verfremdung, um durch die Gefühle von Empörung, Entrüstung, Abscheu, Schmerz, aus der „Ge-Troffenheit“ eine „BeTroffenheit“ zu machen und damit dann eine „Re-Aktion“ auszulösen. Denn trifft es nicht den Kern einer jeden Kreuzigung, einer jeden mutwilligen Tötung von Menschen, dass damit das Recht auf Leben genommen wird, dass damit das 5. Gebot mit Füßen getreten wird: „Du sollst nicht töten?“

 

Zwölf rote Pfeile hat der Künstler Hans Thomann für seine Arbeit verwendet. Die Zahl 12 stellt in der Zahlensymbolik die Erhabenheit dar, die Fülle, die alles impliziert. In der Bibel wird deshalb von den 12 Stämmen Israels gesprochen, unser Tag wird in zweimal 12 Stunden eingeteilt, die Flagge der EU hat symbolisch 12 Sterne.

 

Was das nun heißt?

Jeder von uns kann ein potentieller Pfeil sein, der trifft und verletzt. Die rote Farbe der Flights, wie die kreuzförmigen Flugstabilisatoren der Pfeile heißen, stehen für das leidenschaftliche Engagement, wenn es um die Verteidigung eigener Meinungen, echter oder vermeintlicher Rechte geht. Man sieht dann oft nur noch „rot“.

Der Künstler Hans Thomann will zum Nachdenken bringen, mit was für „Pfeilen“ wir um uns schießen. In der großen Politik, viel mehr aber oft in unserem Alltag. Mit welchen Worten und Haltungen, mit welchen Aktionen, mit welcher Rechthaberei wir oft Menschen verletzen, sie festnageln und damit vielleicht sogar handlungsunfähig machen. Nach unserer Bibel machen wir alles, was wir einem anderen Menschen tun, für Jesus oder gegen ihn – und treffen ihn damit – wie mit Pfeilen!

 

Ich wünsche Ihnen gute Gedanken und eine gesegnete Passions- und Osterzeit,

 

Ihr Pfarrer

 

Dr. Martin Weber