Tegernsee

Anerkannt protestantischen Kirchenbauverein zu Tegernsee
(1890 bis 1918)

Es war ein illustrer Kreis, der sich am 28. September 1890 um 5 Uhr nachmittags im Rathaus in Tegernsee traf, um im fast ausschließlich katholischen Tegernseer Tal eine protestantische Kirche errichten zu lassen. Da es Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts nur etwa 30 einheimische Familien protestantischen Glaubens im Tegernseer Tal gab, erscheint dieses Ansinnen auf den ersten Blick wohl eher vermessen. Allerdings war das Tegernseer Tal schon zu dieser Zeit vor allem unter gut situierten Bürgern ein beliebtes Erholungsgebiet und so verwundert es nicht, das eine Reihe prominenter und begüterter Protestanten aus allen Teilen Deutschlands sich häufig hier zur Sommerfrische aufhielten bzw. Villen als Ferienwohnsitze errichten ließen. Vor allem unter diesen Gläubigen war der Wunsch nach einer eigenen Kirche groß, da man für die sporadischen Gottesdienste durch Reiseprediger immer auf das Wohlwollen der königlichen Familie bzw. der Gemeinde angewiesen war um entsprechende Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt zu bekommen.

Immerhin gelang es den Initiatoren des Kirchenbaus, allen voran Prinz Otto von Wittgenstein, 78 Protestanten zu bewegen, an der Gründungsversammlung teilzunehmen. Einer Aufstellung von 1913 zufolge waren nur etwa 8% der Mitglieder dem Arbeiterstand zuzurechnen, wogegen ein gutes Fünftel dem Adel angehörte und etwa 15% als Berufsbezeichnung „Privatier“ angaben. Ansonsten waren vor allem höhere Beamte, Fabrikbesitzer, Akademiker und vermögende Witwen in diesem Kreis anzutreffen. Zum Vorstand gehörten Prinz Otto von Wittgenstein, Mr. Ralph Fawcett, Herr Fabrikbesitzer Carl Haug. Herr Dr. Maximilian von Cubé, Herr Vikar Prinzing aus Rosenheim.

Als Mindest-Mitgliedsbeitrag wurden 20 Pfennig pro Monat, jährlich also 2.40 Mark festgesetzt.

Der Kirchenbau

Dem Verein gelang es trotz vieler Rückschläge schließlich, die Mittel für den Bau einer Kirche in Tegernsee aufzubringen, so dass am 7. Oktober 1894 die feierliche Einweihung in Anwesenheit hochrangiger Gäste stattfinden konnte. In der Festschrift zum 100jährigen Jubiläum der Einweihung wurden die Entstehungsgeschichte sowie dessen etwas unwürdige Auflösung eindrucksvoll beschrieben.
Man kann wohl ohne Übertreibung feststellen, dass ohne den teilweise massiven persönlichen Einsatz einiger protestantischer Adelsfamilien die Tegernseer Kirche im 19. Jahrhundert nicht hätte erbaut werden können. Stellvertretend sollen hier zwei besonders aktive Damen, die Baronin Ida von Berckheim und die Baronin von Wulffen genannt werden, die zusammen schätzungsweise mindestens ein Drittel der Bausumme gespendet haben. So stand z.B. Ende 1892/ Anfang 1893 das Projekt kurz vor dem Scheitern, als nämlich der Architekt, Prof. Schmidt, mitteilte, dass er mit der vom Verein veranschlagten Bausumme von 32.000,- Mark keine Kirche bauen könne und die Baukosten sich auf mindestens 36.000,- Mark belaufen würden. Es wurde nun darüber diskutiert, den Bau evtl. auf mehrere Jahre zu verteilen, bis Baronin von Berckheim weitere 6200,- Mark für den Bau zur Verfügung stellte.

Auch die vielfältigen Beziehungen zu den königlichen behördlichen Stellen haben dem Projekt sicher weiter geholfen. Fraglich ist, ob es einer „normalen“ Kirchengemeinde gelungen wäre, eine bayernweite Kollekte zum Bau ihrer Kirche genehmigt zu bekommen, die stolze 7221,- Mark einbrachte.

Bereits 10 Monate nach der Einweihung konnte der Kirchenbauverein stolz vermelden, dass alle mit dem Bau zusammenhängenden Rechnungen bezahlt und der Verein schuldenfrei sei. So verwundert es nicht, dass es bald erste Überlegungen gab, den Verein aufzulösen. Letztlich war man aber doch der Ansicht, dass für die Bezahlung der Geistlichen, den weiteren Unterhalt der Kirche sowie weitere bauliche Maßnahmen ein Kirchenbauverein weiterhin gute Dienste leisten könnte.

Im Jahr 1899 diskutierte man ausführlich die Gemeindesituation in Kreuth, das zwar nur wenige einheimische evangelische Familien beherbergte, das aber im Sommer eine große Zahl protestantischer (vor allem adliger und vermögender) Feriengäste anlocken konnte. Offenbar sorgte dort häufig der König von Württemberg für Gäste-Gottesdienste. Vorschläge aus den Reihen des Kirchenbauvereins, auch in Kreuth eine kleine Kirche zu errichten, wurden zwar momentan nicht weiter verfolgt, sie sollten aber ausdrücklich als wichtige Punkte einer künftigen Agenda im Auge behalten werden.

Unter ökumenischen Gesichtspunkten ist an den Protokollen der Generalversammlungen dieser Jahre bemerkenswert,  dass sie wiederkehrende Hinweise auf die gute und ersprießliche Zusammenarbeit mit den katholischen Institutionen des Tals enthielten, wobei vor allem die Aufgeschlossenheit gegenüber protestantischen Anliegen positiv vermerkt wurde.

Das weitere Anwachsen der protestantischen Bevölkerung war sicher ein Grund für die Bemühungen um die Gründung einer eigenen Gemeinde und das Vorantreiben einer Auflösung des Vereins – gegen den Willen des damaligen Vorstands. Die faktische Auflösung zog sich aufgrund kriegsbedingter Umstände und der Verzögerungstaktik des Vereinsvorstands noch einige Jahre hin. Am 9. Dezember 1918 wurde die Auflösung aber offiziell vollzogen, indem die Kirche und das Vereinsvermögen der bereits 1917 errichteten protestantischen Kirchenstiftung in Anwesenheit von Regierungsrat de Rudder vom Königlichen Bezirksamt in Miesbach übergeben wurde. Dem letzten Vorstand gehörten im übrigen an: Forstrat Bartholomä, Dr. Förderreuther, Arthur Haug (Sohn von Carl Haug), Prof. Dr. Kattwinkel und Gräfin Anna Henckel von Donnersmarck (Tochter von Prinz Franz von Wittgenstein)

Ob und ggfs. in welchem Ausmaß sich die Mitglieder des ehemaligen Kirchenbauvereins in die Arbeit der neuen Tochter-Kirchengemeinde eingebracht haben, ist den Archivunterlagen leider nicht zu entnehmen. Zwar wird in den Protokollen der Kirchenvorstandssitzungen der Jahre 1947 bis 1950 eine Frau Förderreuther als Kirchenvorstandsmitglied erwähnt, ihre verwandtschaftliche Beziehung zu dem Vorstandsmitglied von 1918 ist den Unterlagen jedoch nicht zu entnehmen. Die Namen Förderreuther und Haug tauchen allerdings zum Kriegsende 1945 nochmals in einem traurigen Zusammenhang auf. Wie vom damaligen Pfarrer Dr. Naumann in einer „Kleinen Kriegschronik“ berichtet, haben am 3. Mai 1945 französische Truppen die beiden Leiter der Papierfabrik Louisenthal, den Kommerzienrat Arthur Haug und den Dipl.-Ing. Hans Förderreuther verhaftet und noch am gleichen Tag erschossen. Beide wurden von Dr. Naumann als angesehene Mitbürger und Mitglieder der Kirchengemeinde beschrieben.

Fazit

Zusammenfassend kann man festhalten, dass der Kirchenbauverein eine für damalige Zeit gewaltige organisatorische und finanzielle Leistung zustande gebracht hat. In einer Region, deren Bevölkerung bis auf wenige Ausnahmen katholischen Glaubens war und zudem ohne jegliche staatliche oder offizielle kirchliche finanzielle Unterstützung ist es den Mitgliedern des Vereins gelungen, eine sehr ansehnliche Kirche zu bauen, die zu den ersten evangelischen Kirchen in Oberbayern zählte. Viele Persönlichkeiten haben am Gelingen dieses Projekts mitgewirkt. Die Errichtung einer Gedenktafel für diejenigen, die den Bau ermöglichten, wurde von den betroffenen dezidiert abgelehnt. Einziger Wunsch der beiden Baroninnen war es, zwei gekennzeichnete Sitzplätzen auf Lebenszeit zu erhalten.